Haushaltsrede April 2011 – Gemeinde Much
Gemeidevertreter Gerd Binder, Die Linke. Much
Sehr geehrter Herr Bürgermeister, sehr geehrte Ratskolleginnen und – kollegen,
auf dringende Appelle der alten Füchse hier im Gemeinderat will ich meine Ausführungen auf die gewünschte DIN A4 Seite beschränken. Das fiel etwas schwer, aber durch kleine Korrekturen an der Schriftgröße ist es doch gelungen. Zudem war ja die eine Seite nicht zwingend nur eine Vorderseite.
Begriffe wie Konnexitätsprinzip (Vorsicht Fremdwort), Subsidiarität (Vorsicht Fremdwort), NKF (Vorsicht Abkürzung), Defizit und Doppik (Vorsicht Fremdwort) und so weiter lassen sich bei einem Erklärungsversuch eines Gemeindehaushalts kaum vermeiden. Umso schwerer gelingt nun der Versuch mit einfachen Worten – ganz im Sinne einer barrierefreien leichten Sprache – diesen Gemeindehaushalt darzustellen und zu bewerten. Einen Versuch ist es dennoch wert:
Zunächst einmal ist jeder Gemeindehaushalt ein Ausgleichsversuch zwischen Einnahmen und Ausgaben. Da sind auf der Verwaltungsseite laufende und immer wiederkehrende Einnahmen wie Steuern, Gebühren und zugewiesene Gelder des Landes und des Bundes sowie laufende Ausgaben wie Kosten für Personal, Gebäude, Fuhrpark und andere Sachen, Sozialleistungen und Zinsen für Kredite. Auf der Vermögensseite sind die eher einzeln vorkommenden Einnahmen wie Zweck gebundenen Zuweisungen, Entnahmen von Rücklagen und Kreditaufnahmen den Ausgaben wie Investitionen, Kreditablösungen und dem Aufbau von Rücklagen entgegen zu halten. Alle diese Bestandteile schachteln sich wieder in fast beliebige Tiefe auf einzelne Konten und Unterkonten. Das macht es dann besonders schwer, einen Telefonbuch dicken Haushaltsplan zu überschauen. Woran macht sich nun ein guter ausgeglichener Haushalt fest? Ganz einfach gesagt: die Ausgaben dürfen die Einnahmen nicht übersteigen, aber bereits in den letzten Jahren war das bereits der Fall. Immer mehr ständige Aufgaben werden den Gemeinden durch Vorschriften aufgetragen ohne deren Kosten durch Land und Bund mitzutragen und gleichzeitig sinken die ständigen Einnahmen, weil auf der anderen Seite den wichtigsten Steuerzahlern wie großen Betrieben und Konzernen und sehr reichen Bürgern Steuergeschenke gemacht wurden. Da der wichtigste Haushaltsgrundsatz die Ausgeglichenheit ist, mussten also aus dem Vermögensanteil Gelder entnommen werden. Dabei ist nun auch Much am Ende der Fahnenstange angekommen und wird vielleicht dieses Jahr gerade noch so am Haushaltsicherungskonzept vorbeischliddern.
Gibt es nun einen oder mehrere Verantwortliche für diese dramatische Situation oder ist sie wie ein Erdbeben als Schicksalsschlag einfach hinzunehmen? Ganz sicher sind nicht diejenigen als Schuldige zu benennen, die durch wachsende Bedürftigkeit höhere Kosten verursachen, denn steigende Armut bei Kindern, Familien und im Alter muss man auf die immer weiter auseinander gehende Schere zwischen Arm und Reich zurück führen und kann auf Ebene einer Gemeinde nicht geheilt werden. Ich mache das Haushaltsproblem klar und deutlich an einer verfehlten Landes- und Bundespolitik fest, die Entscheidungen nur noch nach Vorgaben der Lobbyisten in Düsseldorf und Berlin ausrichtet und normale Bürger und die Mittelschicht das Nachsehen gibt.
Was bedeutet all dies nun für Much? Wir sind eingebunden in die oben skizzierte Gesamtlage und wollen dennoch nicht nur unseren gesetzlich vorgeschriebenen Aufgaben nachkommen, sondern zum Wohl der Mucher Bürger auch zahlreiche Pläne verwirklichen. Die Umlagen an den Kreis, der seinerseits auch wieder Gelder zum Beispiel an den Landschaftsverband abführt sind ja auch kein verlorenes Geld; dem stehen ja nicht weg zu denkende Leistungen im sozialen und kulturellen Bereich gegenüber. Wenn es aber gelingt hier die Kosten nicht über die Maßen ansteigen zu lassen, ist uns schon viel geholfen. Da besteht ja nun eine gewisse Hoffnung, dass das noch gelingt. Wenn dies nun dazu führt, vielleicht zusammen mit einem vorausgesagten kleinen Anstieg der Einnahmen bei Steuern durch eine verbesserte allgemeine Wirtschaftslage, dass bestehende Unterstützungen von Vereinen und Bürgerinitiativen erhalten bleiben können und dass auch nicht Gebührenerhöhungen im Bildungs- und Kulturbereich gerade die Schwächsten in unserer Gemeinde belasten, dann stimme ich diesem Haushaltsplan zu. Mehr denn je gilt es aber jede Ausgabe daraufhin zu untersuchen und zu bewerten, ob sie denn gerade diesen Bürgern zu Gute kommt und nicht den satten und gut Aufgestellten unter uns und schon gar nicht gierigen Banken und nimmersatten Konzernen.
Zum Schluss sei es mir erlaubt, als kleinen Rückblick auf mein erstes Jahr in ihrer Mitte ein herzliches Dankeschön zu sagen. Das gilt den Damen und Herren in der Gemeindeverwaltung ebenso wie den Ausschuss- und Ratskolleginnen und –kollegen. Meine Mitstreiter aus dem Mucher Ortsverein und ich können sagen, dass wir uns in unserer Arbeit akzeptiert und nicht durch Vorurteile ausgegrenzt fühlen. Das ist nun weiß Gott nicht selbstverständlich, wie ich aus anderen Städten und Gemeinden weiß…. aber einen wichtigen Punkt muss ich dann doch noch zur Sprache bringen:
Das ist das leidige und über die Maßen undemokratische Thema Rautenberg-Verlag und Mitteilungsblatt. Wie viele von Ihnen wissen, verweigert uns der Rautenberg-Verlag ein Veröffentlichungsrecht im Mitteilungsblatt mit der hanebüchenen Begründung nicht mit über 5% im Wahlergebnis in den Gemeinderat eingezogen zu sein – diese „5%-Hürde“ hat man sich sinnigerweise erst nach den Wahlen ausgedacht. Wir klagen nun im Namen des OV Ruppichteroth und mit Unterstützung der Kommunalaufsicht und gewisser Prominenz wie unter anderem von Herrn Gregor Gysi dagegen. Das ist für uns als junge und kleine Partei schwer zu stemmen, aber geht einfach nicht hinzunehmen. Auch die Rolle der Gemeindeverwaltungen Ruppichteroth und im Nachgang auch der von Much wird hierbei angegriffen, denn es ist unsere feste Rechtsüberzeugung, dass die Gemeinden bei der Auftragsvergabe an den Rautenberg-Verlag in der Vertragsgestaltung grundgesetzliche Rechte zu beachten und gegenüber dem Verlag durchzusetzen haben.
Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.
Haushalt 2011: Much kurz vor dem Absturz
Quelle: Ksta.de, Gabriele Krüper
…Als er den Haushalt für das Jahr 2011 einbrachte, machte Kämmerer Günter Schlimbach aus seinem Ärger und seiner Resignation keinen Hehl: Egal wie die Gemeinde sich abstrampelt, es geht bergab…
…Die freiwilligen Ausgaben betragen gerade mal 1,29 Prozent des Gesamthaushalts. Konkret sind es 280.000 Euro, die bei einem Defizit von 3,13 Millionen quasi ohne Bedeutung sind, wenn man diese auch noch sparen würde. Vor allem mit Blick der in der mittelfristigen Finanzplanung über die Jahre aufgehäuften Defizite: Bis 2015 werden es laut Schlimbach 14,8 Millionen Euro sein – inklusive bleibend hoher Jugendamtsumlage. Die allgemeine Kreisumlage beträgt 2011 bereits 8,6 Millionen Euro, das sind 38 Prozent aller Aufwendungen…
Mehr zur prekären Finanzlage lesen Sie hier.
Aktion vor dem Landtag
Die Partei DIE LINKE in Nordrhein-Westfalen lädt alle MitstreiterInnen und Interessierten zu einer kreativen Aktion, zu warmen Getränken und guten Gesprächen ein. Anlass ist der Beschluss über den Nachtragshaushalt im Landtag, der auf der Tagesordnung für 15.30 Uhr am 16. Dezember 2010 vorgesehen ist. Wir wollen ein deutliches Warnsignal abgeben für die Haushaltsberatungen im kommenden Jahr. Dort erwarten wir Verbesserungen für die Menschen in NRW: Weniger Geld für Banken, mehr Geld für Bildung, für die Kommunen und für soziale Sicherheit. Wir fordern Demokratie, Gerechtigkeit und soziale Sicherheit für alle Menschen in NRW!
Mucher Gemeindevertreter im Düsseldorfer Landtag zu Gast
Gerd Binder von Die Linke. Much nahm an der Kommunalpolitischen Konferenz der Landtagsfraktion Die Linke im Plenarsaal des Landtags teil.
Hier hatte er Gelegenheit, mit der kommunalpolitischen Sprecherin der Partei Özlem Alev Demirel über die prekäre Lage vieler Kommunen in NRW zu diskutieren.
In drei Workshops und mehreren Kurzvorträgen wurde aufgezeigt, dass nicht die Finanzkrise die Hauptursache für die marode Kassenlage ist, sondern gleichermaßen die Politik der Steuergeschenke an Unternehmen, Banken, Spekulanten, Hoteliers und Superreiche, sowie ein Abwälzen der Aufgaben auf die Kommunen ohne entsprechende Finanzmittel bereit zu stellen und nicht zuletzt eine unselige Privatisierung von öffentlichem Eigentum und Beteiligungs-Veräußerungen.
Über all dem aber schwebt eine sozial höchst ungerechte Steuerpolitik auf Bundesebene. Notwendig sind endlich höhere Steuern für Großunternehmen, Vermögende und Besserverdienende bei Entlastung niedriger und mittlerer Einkommen, sowie die Einführung einer Finanztransaktionssteuer, wirksamere Bekämpfung von Steuermissbrauch, Steuerhinterziehung und Steuerflucht, eine effektive Banken-Abgabe nach US-Vorbild und auf Landesebene eine Erhöhung der Grunderwerbssteuer und Weitergabe an die Kommunen. Insgesamt also muss auch im kommunalen Bereich die Umverteilung von unten nach oben gestoppt werden.
In der ganzen Welt finden sich augenblicklich Menschen unterschiedlichster Herkünfte zu Demonstrationen gegen die Finanzwirtschaft, die Verarmung großer Teile der Bevölkerung und für ein gerechtes Weltwirtschaftssystem zusammen. Ist dies nur eine Momentaufnahme oder der Anfang einer Bewegung wie sie in der DDR 1989 ihren Anfang nahm? Kommt die Revolution, wie in der arabischen Welt, jetzt auch langsam in den kapitalistischen Industrienationen in Fahrt? Die Menschen erkennen immer mehr, Kapitalismus hat nichts mit Freiheit zu tun; selbst seinen Ausbeuter kann man bei der augenblicklichen Arbeitsmarktsituation nicht mehr frei wählen. Kapitalismus hat auch nichts mit Gerechtigkeit zu tun, max. 10% der Bevölkerung schöpft den Rahm ab, der Rest kann sehe, wo er bleibt. Kapitalismus hat auch nichts mit Menschenwürde zu tun. Die reichen Staaten beuten die armen Staaten aus und diktieren ihnen die Regeln und letztendlich (dies wird vielen Menschen jetzt erst klar): Kapitalismus hat nichts mit einer funktionierenden Weltwirtschaft zu tun. Der „Kapitalismus frisst seine eigenen Kinder“ so kann das alte Sprichwort neu vertont werden. Die Habgier der Banken, der Großkonzerne aber auch mancher Staatsmänner/frauen, immer mehr aus dem Kapitalanteil Arbeit (=Mensch) bei immer weniger Kapitaleinsatz (=Geld/Lohn) herauszuholen wird scheitern. Der Bogen ist überspannt! Die Banken scheitern an Ihren eigenen Phantasiepapieren, an dem erzeugten „Luftgeld“, hinter dem keine materielle Sicherheit steht. Die Unternehmen scheitern, weil Sie mit Ihrer Vorgehensweise, immer billiger produzieren wollen (z. B. in Entwicklungs- und Schwellenländern), aber aufgrund der generell niedrigen Gehaltsstrukturen weltweit, den jeweiligen schwachen Binnennachfragen usw. trotz des geringeren Preises, ihre Güter nur noch an die besserverdienende Schicht absetzen können – doch diese wird immer kleiner! Der Staat zu guter Letzt schröpft die Bürgerinnen und Bürger mit Steuern und Abgaben – nicht zuletzt um angehäufte Schulden, bzw. Bürgschaften für die von anderen angehäuften Schulden, bezahlen zu können. Heiner Geissler dazu im Kölner Stadt Anzeiger vom 7.10.2011, „…Das jetzt vorherrschende kapitalistische Wirtschaftssystem muss ersetzt werden durch eine internationale öko-soziale Marktwirtschaft…“. Ich sage dazu demokratischer Sozialismus – in der Konsequenz der Ausprägung dieses neuen Wirtschaftssystems liegen die Notwendigkeiten aber wohl nah beieinander.